Kirchenschiff

Betritt man die Kirche durch die westliche Eingangstür, so gelangt man unter der Orgelempore her in das Kirchenschiff. Hier fallen sofort die reichhaltigen Deckenmalereien ins Auge, ein großartiger Schatz, Kalkmalereien aus dem frühen 15. Jh. Sie wurden im Zuge der Reformation teilweise zerstört, der größte Teil wurde jedoch übermalt und 1910 bei Renovierungsarbeiten wieder entdeckt.
Das Konsistorium in Hannover erkannte ihren Wert und verordnete die Konservierung und ermahnte die Gemeinde, keine unsachgemäßen Arbeiten ausführen zu lassen, bis schließlich 1965 eine sachgemäße Restaurierung erfolgte, wobei die Retuschen sparsam im Strichelverfahren in Kasein erfolgten.

Einzigartig in Nordwestdeutschland ist die Malerei im zweiten Gewölbe von Westen: ein Pestzyklus des späten Mittelalters, ein Programm von vier Bildeinheiten, deren Mittelpunkt der «Loxstedter Totentanz» ist. Wer die Kirche betritt, schaut zuerst auf diese Szenerie: in der östlichen Kappe die Darstellung des Todes, ca. 120 cm hoch. Kaum weniger bemerkenswert ist, dass der Tote noch nicht als zeitloses Gerippe in Erscheinung tritt, sondern als ausgedünnter; halbwegs entfleischter Körper mit verdorrter Haut. Die geöffnete, leere Bauchhöhle verweist auf die Praxis der Mumifizierung, durch die man vor allem in älterer Zeit die Gefallenen, die auf ausgedehnten Heerzügen irgendwo in der Welt zu Tode gekommen waren, für die Überführung ins Land der Herkunft präparierte: ein Brauch, von dem unterdessen nicht vielmehr als das Bild bewahrt geblieben war. Der tiefe Einschnitt im Leib war Sinnbild und Siegel des Todes. Als Zeichen dafür sitzt eine Kröte in der Bauchhöhle, zwei weitere sitzen auf der Brust, vier Schlangen winden sich um Arme und Beine, eine fünfte hat Besitz genommen vom Kopf und tritt aus der Augenhöhle. Mit seiner Rechten führt der Tote eine Sense. Der «Sensenmann», Inbegriff des Todes in der Pestzeit wie die Bibel die Menschen als Blumen auf dem Felde bezeichnet (Jak 1, 10; Jes 40, 7; Ps 103, 15), die Sterbenden mit Garben vergleicht (Hiob 5, 2) und der Tod als Schnitter mit der Sichel erscheint (Apg. 14, 14). Der Schwarze Tod, der plötzliche Tod, kam schnell, über Nacht. Ihm zur Seite gestellt ein vornehmes junges Paar. Links die junge Dame in einem taillierten, nach unten weit fallenden Samtkleid, das sie mit ihrer rechten Hand kokett nach oben rafft, um das feine weiße Untergewand zu zeigen, in der Linken einen perlenbesetzten Spiegel haltend und sich darin betrachtend, das Haupt geziert durch eine kunstvoll geputzte Haube, das Dekollete bis zum Hals bedeckt mit einem durchsichtigen, gerupften Seidentuch. Sie spricht, dargestellt in einem langen Spruchband in gotischen Minuskeln geschrieben: «lust unde vrolichheit behehrik uppe düsser erde», ein lustbetontes, ausgelassenes Leben. Der Mann auf der rechten Seite, ein Edelmann in engen Beinkleidern und mit einem Samtwams und -rock bekleidet, in der Taille ein Gürtel mit Geldbeutel, die Linke in die Hüfte gestemmt, das Haupt geziert mit blonden langen Locken und einem breitkrempigen Hut, an den Füßen die hochmodischen spitzen Schnabelschuhe, auch er: «lust unde vrolichheit uppe düsser erde» nach der Devise: was kostet die Welt? Und der Tote, zum Betrachter schauend, das Zwiegespräch mit uns suchend: «0 minsch ande erde wat ik nu bin dat vistu werden». Eine Bußpredigt, die spätmittelalterliche Bußpredigt schlechthin, wie sie die Bettelorden verbreiteten. «Die Brüder vom gemeinsamen Leben», oder Thomas von Kempen in seiner devotio moderna gegen die Eitelkeit zu Felde zog. Diese drei niederdeutschen Textzeilen können als Kurzfassung des ersten Kapitels der «Nachfolge Christi» von Thomas von Kempen gelten, in einer Zeit, in der Tod als verheerendes, unerklärliches Geheimnis über die Menschen hereinbrach und sie im Kern ihrer Glaubensvorstellungen traf. Denn der jähe Tod bedeutete in der Theologie der Bettelorden Fluch sündhaften tugendlosen, eitlen Lebens. Deshalb die Erkenntnis: was ich jetzt bin, das wirst du sein, oder wie es in der populären Legende von den drei Lebenden und drei Toten heißt: «Quod fuimus, estis; quod sumus, eritis!» - Was ihr seid, das waren wir! Was wir sind, das werdet ihr sein!

Nach dieser Bußpredigt fragt der Mensch nach Hilfe. Er ruft die Heiligen an, die Nothelfer: Sebastian, dargestellt in der nördlichen Gewölbekappe. Die Legenda Aurea erzählt von dem ritterlichen Anführer der Leibgarde Kaiser Diokletians, der als Christ zum Befehlsverweigerer geworden war und darum von numidischen Bogenschützen standrechtlich erschossen wurde. An einen Pfahl gebunden, von Pfeilen durchbohrt, aber nicht getötet, so wird er im Mittelalter dargestellt als Pestnothelfer. Man betete: «Du stärkst die Tugend in ihrer Schwäche, du gewährst den Kranken Hilfe.» Mit seinem Leib wehrt er den Pestpfeilen Gottes, wie es im Psalm 91, 4-6 heißt: «Du brauchst dich nicht zu fürchten vor dem Schrecken der Nacht, noch vor dem Pfeil, der am Tage fliegt, nicht vor der Pest, die im Finstern einhergeht, noch vor der Seuche, die am Mittag verwüstet.» Dieses Bild illustriert die Volksfrömmigkeit des geängstigten Menschen ebenso wie das Bild des häufig verehrten Christophorus in der westlichen Kappe, der das Chnstuskind durch die reißenden Wasser trägt. Wie groß das Vertrauen in diesen Heiligen war; können wir ablesen in der Freundlichkeit, mit der diese Szene dargestellt ist. Am rechten Ufer ein angelnder Pilger, im Wasser sind zwei Plattfische zu erkennen - wer denkt da nicht gleich an die Wesermündung, die bis zur Regulierung und Vertiefung der Weser im letzten Jahrhundert bei Niedrigwasser noch passierbar war? Am linken Ufer ein Hund auf einen Mann zulaufend (ikonografisch nicht ganz sicher, ob es sich bei dem Pilger um den Pestnothelfer Rochus handelt, dem der Hund des freundlichen Nachbarn Brot bringt, bis er genesen ist). Und mitten im Strom ein Hüne von einem Mann, größer als der Tod, das geborgene Christuskind auf seiner Schulter; an dessen Stelle sich der gläubige Mensch gesehen hat, wenn er Christophorus anrief: «Hol über; trage mich durch die Fluten des Todes!» Gerade er war der große Pestheilige; sein Bild zu schauen hieß, auch dem jähen Tod, dem Sterben ohne Sakramente begegnen zu können. Das war in jener Zeit von großer Bedeutung, denn noch betreute der Priester der Mutterkirche aus der ca. 20 km weit entfernten Beverstedter Fabian-und-Sebastian-Kirche die kleine Gemeinde zu Loxstedt; und die Wege waren schwierig durch das Niederungsmoor und im Winter kaum passierbar.Noch ein weiterer Heiliger wird in bewegter Szene dargestellt: der Erzmärtyrer Stephanus (Apg. 6 u. 7), gesteinigt von einer aufgebrachten Menge, vom Hohenpriester der Gotteslästerung beschuldigt. Mit seinem Leib fängt er die Steine auf, die tödliche Wucht der Pest.

Mit Sebastian und Christophorus, unter Anrufung ihrer Namen, der Beherzigung der Bußpredigt des Stephanus und der memento-mori-Mahnung des Toten: so konnte man in Frieden sterben, oder besser noch: vom Pesttod verschont bleiben.

Nun geht der Blick ins dritte Gewölbe das Weltgericht am Jüngsten Tage nach der Auferstehung der Toten, in derselben Blickrichtung wie der Totentanz; diese beiden Bilder sind gestaffelt dargestellt. Deshalb meine ich darin die ikonorafisch äußerst seltene Zusammenschau von der Pest als Vorbotin des Weltgerichts, wie es beispielsweise bei Matthäus 24, 7 berichtet wird, erkennen zu können.

Das zentrale Bild ist leider bis auf wenige Reste zerstört. Christus, der Weltenrichter in einer Mandorla, sitzend auf dem Regenbogenthron, Schwert und Lilie aus seinem Munde wachsend, das Gericht zum Leben und zum Tode sprechend. Daneben, in Fürbitte kniend, rechts Johannes der Täufer und links die Gottesmutter Maria (auch dieses Bild zerstört).

Christus auf dem Thron, die Fürbeter Maris und Johannes der Täufer; solche Bilder sind mehrfach erhalten und gehören zum Standardbild im späten Mittelalter; auch in der Umgebung.

Je zwei Engel blasen mit Posaunen in Richtung der Gräber; denen unbekleidete Junge Menschen entsteigen, einer erhebt sich wie aus dem Schlaf geweckt aus seinem Laken. Sie alle schauen zum Richter Hier ist gemalt, wie es Paulus schreibt (1. Thess. 4, 16), hier wird die große Gerichtsrede Jesu (Matthäus 25) illustriert: «Dann wird der König zu denen an seiner Rechten sagen: Kommt her; ihr Gesegneten!» Im Deckenbild sinnlich erfasst: ein Engel führt die Geretteten, zwei Engel musizieren, der Zug der Gerechten wird Christus zugeführt, der; in der Tür stehend, den ersten mit Handschlag begrüßt; aus den Fenstern schauen Gäste. Das Reich Gottes, eine Kirche mit drei Fenstern, einem Bleidach und Erkern, einem Schaugiebel mit Portal: das Abbild und Urbild der Kirche, auch der Kirche zu Loxstedt in der damaligen Gestalt. So elementar wurde geglaubt; der obere Bereich der Kirche, die Gewölbe mit den Sternen, das war die Welt Gottes. Der Bereich der Märtyrer geziert mit der Märtyrer-Blume.

Zur Linken Christi das Gericht, eine Gruppe nackter Menschen, von Flammen umzüngelt, wird zur Hölle gezerrt Die Figuren des schiebenden und des die Gebundenen ziehenden Teufels sind nicht mehr erhalten,12 aber der Zielort,, der Höllenrachen, ist deutlich erkennbar. Ein Wolfsrachen mit Federkamm, Flammen züngeln aus dem Schlund, Menschen brennen, Teufel grinsen. Das ist die komplette mittelalterliche Szenerie des Himmels und des Fegefeuers. So wie man auf den Friedhöfen tanzte, wurden in der Kirche solche Spiele inszeniert, bei denen unter Gejohle die Gefangenen weggeführt wurden. Es war durchaus Ständekritik darin enthalten, denn alle konnten zur Hölle fahren, die gesamte Hierarchie, wie sie in Loxstedt auch gemalt ist. Erkennbar ist ein Bischof mit seiner Mitra, ein Mann gehobenen Standes, an seiner Pelzmütze. Die kirchenreformerischen Bestrebungen der Bettelorden, die Kirchenkritik der Franziskaner beispielsweise sind hier Bild geworden. Um des guten Ausgleichs willen wird ein Papst von Christus im Paradies begrüßt.

So kommen die Szenen zusammen: Totentanz und Weltgericht, Pest als Vorbotin des Gerichts, makabres Spiel und göttliche Gerechtigkeit, Bußpredigt und Heil sowie Verdammnis. Dieser Bilderzyklus ist ein einmaliges Dokument spätmittelalterlichen Glaubens und Lebens in der norddeutschen Region und darüber hinaus.